Stärkung der Biodiversität

Kreistag informiert sich über gelungene Projekte im Landkreis Göppingen

Pressemitteilung - Schlagworte wie Insektensterben, Artenrückgang und Verlust der biologischen Vielfalt sind derzeit in den Medien allgegenwärtig.

Ackerfläche mit Brachebegrünung bei beginnender Blütenpracht mit einer Sonnenblume in Böhmenkirch nahe der St. Patriz-Kapelle
Ackerfläche mit Brachebegrünung bei beginnender Blütenpracht in Böhmenkirch nahe der St. Patriz-Kapelle

Im Rahmen einer halbtägigen Informationsfahrt durch den Landkreis Göppingen am 20.07.2018 haben sich Mitglieder des Kreistages des Landkreises zusammen u.a. mit Vertretern der Fachämter des Landratsamts und Vertretern des
Landschaftserhaltungsverbands diesem aktuellen Thema gewidmet.
 
Landrat Edgar Wolff betonte die Wichtigkeit dieses Themas in der Arbeit der Landkreisverwaltung. Er zeigte sich erfreut, dass mit der Informationsfahrt unterschiedliche Aspekte aufgezeigt und das gegenseitige Verständnis der Akteure gestärkt werden konnte.
 
Zentrale Erkenntnis aus den Gesprächen und Diskussionen im Verlauf der Rundfahrt war, dass ein Bündel von Einflussfaktoren zum Rückgang der biologischen Vielfalt beitragen. Neben der zunehmenden Intensivierung der Landwirtschaft über die Jahre mit ihren agrarstrukturellen Veränderungen und ökonomischen Zwängen, trägt der Klimawandel, die immer dichtere Besiedelung und Versiegelung der Landschaft und weiter zunehmender Verkehr zur Verarmung der biologischen Vielfalt bei.
Aufgezeigt werden konnte aber auch, dass die Stärkung der Biodiversität wichtiges Kriterium beim Verwaltungshandeln ist.
 
An drei Stationen wurden Maßnahmen begutachtet, die dem Verlust der biologischen Vielfalt entgegen wirken sollen.
 
An der Umgehung der B10/B466 wurden im Zusammenhang mit dem dortigen Flurbereinigungsverfahren Ausgleichs- und Artenschutzmaßnahmen besichtigt (Totholzpyramiden zum Schutz des Großen Goldkäfers und versetzte alte Bäume, die dem streng geschützten Juchtenkäfer Lebensraum bieten). Anhand dieser Beispiele erläuterte der Leitende Fachbeamte Flurneuordnung beim Landratsamt Göppingen, Peter Cohausz, allgemein die Zielsetzung von Flurneuordnungsverfahren und besonders im Vergleich zu früher die heutige Ökologisierung der Flurneuordnung.
 
An der zweiten Station erläuterte der Amtsleiter des gemeinsamen Straßenbauamts Göppingen/Esslingen, Thorsten König, zusammen mit Prof. Dr. Christian Küpfer von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, die das Projekt wissenschaftlich begleitet und von der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamts Göppingen fachlich unterstützt wird, ein Modellprojekt zum Straßenbegleitgrün. Das Verkehrsministerium Baden-Württemberg hat bereits im Jahr 2016 dieses dreijährige Modellprojekt zur Erhöhung der Biodiversität entlang von klassifizierten Straßen initiiert und der Landkreis Göppingen wurde als einer von sechs Landkreisen für eine für den Landkreis kostenlosen Teilnahme ausgewählt. Im Landkreis Göppingen werden auf insgesamt neun Böschungen verschiedene Maßnahmen erprobt und teilweise auch bereits erfolgte Ansaaten beobachtet. Das im Rahmen der Informationsfahrt besichtigte Teilprojekt innerhalb der Umgehung B10/B466 bei Süßen geht der Frage nach, wie bei Reduktion der Grünpflegekosten an Straßen gleichzeitig eine Erhöhung der biologischen Vielfalt im Straßenbegleitgrün erreicht werden kann.
„Straßenböschungen haben in der Summe landesweit mit rund 27.000 Hektar ein Riesenpotential zur Stärkung der biologischen Vielfalt“, so Professor Christian Küpfer. Bei richtiger Anlage und Pflege sind straßenbegleitende Grünflächen für viele Tier- und Pflanzenarten Rückzugs- und Ersatzlebensraum. Gewisse Grundsätze gelte es aber zu beachten. So führe ein starker Auftrag von humosem Oberboden beispielsweise zu einer viel zu üppigen und wenig insektenfreundlichen Vegetation, in Verbindung mit hohem Pflegeaufwand für die Straßenmeistereien. Wichtig seien für den Naturschutz ausgehagerte, nährstoffarme Standorte, da auf ihnen seltene Arten vorkommen und den Pflegeaufwand durch weniger häufige Mahd reduzieren.
Thorsten König äußerte als erste Zwischenerkenntnis des Projekts die Absicht, zukünftig verstärkt die Dienste von Landwirten mit ihrer Maschinenausstattung für die umfangreichen Pflegearbeiten – zum Beispiel die vielfach geforderte frühzeitige Mahd des Jakobskreuzkrauts - in Anspruch zu nehmen.
 
Der Beitrag der Landwirtschaft zur Stärkung der Biodiversität stand an der dritten Station in Böhmenkirch im Fokus. Mit fachkundiger Erläuterung des Leiters des Landwirtschaftsamts beim Landratsamt Göppingen, Wilfried Dieterich, konnten auf verschiedenen Ackerflächen angesäte Blühmischungen demonstriert werden. Solche Flächen stellen insbesondere für Honig- und Wildbienen, gerade in der eher Nahrungsquellen armen Sommerzeit ein reichhaltiges „Trachtangebot“ bereit. Zudem bieten sie Schutz- und Rückzugsraum für zahlreiche Tierarten und sorgen durch ganzjährigen Bewuchs für eine Nährstoffkonservierung vor dem Winter und Erosionsvermeidung. Die jährliche Zunahme dieser „Blühflächen“ im Landkreis ist auch auf die für Landwirte attraktivere Flächenförderung durch EU und Land zurückzuführen und fand Anerkennung bei den Teilnehmern.
Der Vorsitzende des Göppinger Kreisbauernverbandes, Hermann Färber MdB, der selbst zahlreiche Blühstreifen an seinen bewirtschafteten Ackerflächen ansät, hob die ökologischen Leistungen der im Vergleich zu anderen Regionen überwiegend klein-strukturierten Landwirtschaft im Landkreis hervor, mit abwechslungsreicher Fruchtfolge, Pflege vieler Streuobstwiesen und verantwortungsvollem Umgang mit dem Produktionsmitteleinsatz, wie beispielsweise der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln. Er erläuterte, dass der Landesbauernverband mit eigens dafür hergestellten Infotafeln für mehr Blühflächen werbe. Zahlreiche Landwirte im Landkreis hätten diese bereits an ihren Feldrändern platziert.
 
Die Straußenfarm der Familie Bosch auf dem Lindenhof bei Böhmenkirch, selbst Bewirtschafter einiger Blühflächen, bildete den würdigen Abschluss der informationsreichen Kreisbereisung.
 
Hintergrundinformation:
Im Jahr 2017 brachte die Landesregierung von Baden-Württemberg ein Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt auf den Weg. Das Sonderprogramm vereint die Anstrengungen dreier Ministerien: Umweltministerium (UM), Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) und Verkehrsministerium (VM). Das Programm ist für die Jahre 2018 und 2019 mit einem Finanzvolumen von 30 Millionen Euro, zuzüglich 6 Millionen Euro für begleitende Monitoringmaßnahmen ausgestattet. Bei diesem komplexen Vorhaben sind vor allem Bereiche der Landwirtschaft und des Naturschutzes betroffen. Auch die Straßenbauverwaltung wurde miteinbezogen mit dem Projekt der ökologischen Aufwertungen des Straßenbegleitgrüns zur Erhöhung der Biodiversität.

Ansprechpartner
Landwirtschaftsamt
Wilfried Dieterich
Telefon: 07161 202-2500
Fax: 07161 202-2590
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